Vermutlich erwartet ihr hier jetzt einen fröhlichen "Mein erster Schultag war sooo cool, ich freu mich schon auf morgen"-Eintrag, so wie man ihn bei vielen anderen Austauschschülern sieht.
Falsch.
Mein erster Schultag war beschissen. Nein, wirklich. Ich sag das nicht nur so.
Aber fangen wir von vorne an.
Angefangen hat es damit, dass ich um halb sieben aufstehen musste. Das war etwas schwer für mich.
Schnell unter die Dusche gegangen, dick mit Sonnencreme eingeschmiert, etwas gefrühstückt, noch mal nachgeguckt, ob ich alles habe, ab zum Bus.
Eigentlich war ích nicht nervös, aber dann wurde ich doch schon etwas aufgeregt.
Der Bus war zu spät. Wir standen am Straßenrand und Ricky hat mir erklärt, dass wir uns Stühle dorthin stellen sollten.
Dann, zehn Minuten, nachdem er wirklich da sein sollte, kam er dann den Hügel hinunter. Es war ein waschechter gelber Schulbus. Na gut, nicht wirklich waschecht. Sieht nicht ganz so aus, wie man's in den Fernsehsendungen aus Amerika kennt. ABER - wir sind hier ja auch nicht in Amerika, wir sind hier in Penneshaw, Kangaroo Island, South Australia.
Dann ging es also los. Ab nach Kingscote.
Die letzten beiden Tage waren einfach nur ekelig warm. Man will den ganzen Tag einfach nur rumsitzen. Sogar schon jetzt, um zwanzig vor acht, war es drückend heiß. Aber was sein muss, muss sein.
Wir waren nicht ganz die ersten im Bus. Zwei Jungen, Tristan und den anderen Namen hab ich vergessen, saßen schon dort. Tristans Namen kenn ich aber auch nur, weil er in unserer Stufe ist.
Das waren offensichtlich Freunde von Ricky, also haben wir uns dazu gesetzt. Also, in andere Reihen. Auf dem Weg nach American River hat jeder seine eigene Bank. Man macht es sich gemütlich, so weit es geht, und sitzt die Zeit aus. Dabei hört man Musik mit seinem Ipod oder unterhält sich mit anderen - wenn man denn welche kennt oder sich an der Unterhaltung beteiligen kann.
In American River mussten wir dann in einen anderen Bus wechseln. Der Grund dafür? Kenne ich nicht.
Hier konnten wir nicht mehr jeder einzeln sitzen.
Erst hab ich mich gefragt, warum alle sich so beschweren, also so unangenehm waren die Busse jetzt wirklich nicht. Aber dazu später mehr.
Ricky hatte mich zwar allen vorgestellt, und erst habe ich auch versucht, der Unterhaltung zumindest zu folgen und mich einzubringen, aber mir gegenüber wurde trotzdem ziemliches Desinteresse gezeigt.
Als wir dann endlich! angekommen sind, gab es auf dem Schulhof etwas Chaos.
Der "Oberschulleiter", also der Rektor von allen Schulen auf ganz Kangaroo Island, hat noch schnell etwas gesagt und hat die Homegroup Teacher verlesen.
Danach hatten wir dann Homegroup.
Homegroup: Man trifft sich jeden Morgen zehn Minuten lang um den Tagesplan durchzusprechen.
Heute allerdings hatten wir zwei ganze Stunden lang Homegroup bei Mr Martin, er ist so etwas wie unser Klassenlehrer. Er hat den Stundenplan so gut es geht angeschrieben - und damit ziemliches Chaos verursacht.
Unsere ganze Stufe ist in zwei Klassen eingeteilt - 10a und 10b. Ich bin 10a, zusammen mit Ricky.
Ich hatte ja erzählt, dass ich mich an zwei Stellen entscheiden durfte, was ich machen will. Möööp. Gilt nicht mehr. Jetzt haben wir selber keine Entscheidung mehr. Wir müssen in unserer Klasse bleiben. Abgesehen von Art und Engineering. Da dürfen wir uns noch entscheiden. Klasse.
Jetzt habe ich anscheinend Auto anstatt Hospitality, und aus irgendeinem Grund, den ich mir nicht erklären kann, hab ich IT. Ricky nicht. Viele Leute nicht. Ich werde morgen noch mal fragen.
(Nicht, dass ich Informatik nicht mag, hier krieg ich es ja manchmal auch ziemlich gut hin, aber ...)
Dann haben wir auch so ein Paket bekommen, mit ein paar dicken Heften und so etwas wie Collegeblöcken, außerdem einem ziemlich langen Lineal, einem Kreisdings, einem Radiergummi, zwei Bleistiften, zwei Kullis, einem Ordner, zwei Heftern, und so weiter, und so weiter.
Immer noch herrschte ziemliches Durcheinander und viel Verwirrung. Niemand wusste genau, welche Stunden er hatte. Wir haben versucht das zu klären, hat aber nicht geklappt.
Heather, also Ms Fisher, hat dann für Montag - heute - angeschrieben, welche Klasse was hat. Den Tag konnten wir also mit Sicherheit überstehen. Na ja. So fast. Mr Martin hat nämlich noch die Wettervorhersage vorgelesen - 41 degrees. "That's for Adelaide", sagte Ms Fisher. Mr Martin: "No, I'm not really sure."
Schließlich wurde es auch richtig warm, aber ob es 41° waren? Not sure.
Nach der Homegroup hatte Group A dann Science. Jetzt schon war ich irgendwie abgenervt und verwirrt. Warum hab ich plötzlich IT? Wie soll ich den Tag überstehen? Und was bitte soll ich am Freitag machen, wenn Ricky nicht da ist und mir nicht helfen kann?
Aber ein Tag kann ja nicht gänzlich schlecht sein. Die Überraschung kam dann in Science.
Wir haben unsere Bücher aus der Library geholt (da gab es schon wieder Probleme, weil ich - mal wieder und wie schon den ganzen Tag lang - nicht in der Liste eingetragen war) und uns danach das Kapitel angeguckt, dass wir machen werden, die ersten drei Wochen or so. Die Planen hier alles nach Wochen. "In week xyz we'll do this and that."
Jedenfalls. Die Positive Seite war: wir haben das Thema in meiner deutschen Schule schon gehabt, gerade eben erst. Nervensystem, Diabetes und so weiter. Noch positiver ist, dass ich den Test über Diabetes als Klassenbeste abgeschnitten habe. Das Negative ist: wir müssen dazu ein Projekt machen und das ganze natürlich auf Englisch. Danach wird es an die 6. & 7. Klasse gegeben und die sollen das bewerten. Na toll. Ich werd ja mit Sicherheit echt gut abschneiden.
Na ja. Lassen wir es auf uns zukommen.
Danach hatte ich dann Mathe. Wieder ein paar Themen, die wir schon hatten (Satz des Pythagoras, Dreiecke, Zylinder, Kreise, ...). Manche davon sogar schon in der achten Klasse.
Negativ: Wir schreiben vier Tests. Das ganze plant die gute Frau, glaube ich, für den ersten Therm.
Insgesamt haben wir nichts Vernünftiges gemacht. Wir sollten uns alle vorstellen, sagen, was wir später werden wollen und was unser Hobby ist.
Ich hab mich ganz einfach vorgestellt: "I'm Susanna, I'm from Germany, I plan to study oceanography or to become a doctor, my hobbies are archery and playing the guitar."
Über die Hälfte der Klasse hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie später machen wollen.
Nach Mathe hatten wir dann Health. Zwei Stunden lang.
Health ist ein Fach, in dem wir darüber sprechen, was mit unserem Körper passiert, wenn wir Alkohol trinken oder Drogen nehmen. So was eben. Damit wir unsere Zukunft nicht verbauen.
Wir haben erst ein True-or-false-quiz gemacht. Und in der zweiten Stunde, da war ich sehr verwundert, haben einige gefragt, ob wir nicht PE, Sport, machen könnten, (die Lehrerin ist auch unsere Sportlehrerin), und sie hielt das auch noch für in Ordnung und wir haben Montags jetzt immer eine Stunde Sport und eine Stunde Health anstatt zwei Stunden Health. Hier gehen die Lehrer ohnehin viel persönlicher mit den Schülern um als in Deutschland. In Sport durften wir uns aussuchen, ob wir mitmachen wollen oder lieber nicht. Ich habe Nein gesagt, weil ich das Spiel nicht verstanden habe, nein, ich weiß nicht mal wie es heißt, sonst könnte ich die Regeln ja wenigstens googeln.
Nach der dritten Stunde hatten wir übrigens zwanzig Minuten Pause, also nach Science. Ich bin Ricky hinterher gelaufen und wir haben uns mit drei anderen Mädchen in den Schatten auf die Wiese gesetzt und etwas gegessen. War mir gerade nur aufgefallen, dass ich das vergessen habe.
Nach der Mittagspause um 1:15 hatten wir dann PLP. Mittlerweile weiß ich sogar, was das ist. Personal Learning Plan. Mr Martin, ebenfalls Lehrer für das in 10a, hat uns erklärt, dass wir durchgehen werden, was wir in unserer Zukunft machen könnten. Und zu diesem Jahr gehört auch, dass wir diesmal 20 Stunden für die Community arbeiten müssen. Und wenn ich es richtig verstanden habe, dann machen wir am Ende des zweiten Terms eine zwewöchige Reise nach Adelaide, bei der wir eine Woche lang Work experience (Praktikum) machen und eine Woche lang Adelaide erkundigen. Unis angucken und so.
Bis Donnerstag müssen wir dann noch 5 Dinge aufschreiben, wo wir unsere gemeinnützige Arbeit auf der Insel machen könnten.
Ich hab noch keine Ahnung.
Nach PLP hatten wir dann Schluss. Dann begann der Höllentrip. Es war 15:30, als wir in den Bus kamen. Es war stickig und heiß, und wir mussten nebeneinander sitzen, weil nicht genügend Plätze da waren, dass alle alleine saßen. Jeder hat geschwitzt und wir haben so viele Fenster wie möglich aufgemacht.
Wie schon den ganzen Tag lang konnte ich mich nicht an der Unterhaltung beteiligen.
Mein dickes Schuluniform-Poloshirt klebte an meinem Sitz und meinem Rücken. Außerdem hatte ich Durst. Es war widerlich.
In American River mussten wir wieder umsteigen und diesmal konnten wir glücklicherweise allein sitzen. Hier verstand ich dann auch, warum alle die Busse ungemütlich fanden.
Der Bus leerte sich nach und nach und irgendwann mussten Ricky und ich aussteigen.
Mein erster Schultag war getan.
Und falls sich nun irgendjemand fragt, warum mein Schultag so scheiße war: Es ist schwer zu erklären, wenn man nicht dabei war. Ich habe niemanden verstanden, habe niemanden richtig kennengelernt, weil ich mein Englisch anscheinend überschätzt habe und ich mich nicht vernünftig verständigen konnte, es war warm, die Stühle in der Schule ungemütlich und ich bis 16:30 unterwegs.
Vielleicht bin ich auch einfach empfindlich. Vielleicht hatte ich auch einfach mal einen schlechten Tag. Aber ich hoffe wirklich, dass sich das bald ändert.
Suse.
P.S.: Ansonsten war ich heute noch am Strand, kurz schwimmen. Libby meinte alle drei Sekunden "Ah, a warm patch!"
Irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass das Meer einfach warm ist und es ein cold patch ist, den sie hin und wieder gefunden hat.
Außerdem habe ich dann die erste Redbackspider meines Lebens gesehen. Zwar nicht drinnen, aber ich hab sie gesehen. Sie hing am Deckenbalken über der Terrasse; Libby wollte sie mit einem Marmeladenglas einfangen, aber als sie dann runtergefallen ist, hat sie sie getötet.
Leider hab ich keine Fotos gemacht. Bald mach ich vielleicht welche von meiner Schuluniform und der Schule. Mal sehen.
hi du
AntwortenLöschenals du mir geschrieben hast, dass der Tag beschissen war, hab ich echt gedacht: Wie?Was?
aber jetzt kann ich dich ein bisschen verstehen...muss bestimmt ätzend sein, wenn es so heiß ist:)(nebenbei bemerkt:hier ist es -4 grad und wir frieren uns den arsch ab:D)ich denke aber, dass du in dieses englischgequasselteil(:D)noch reinkommst...
ansonsten hört sich das doch alles gar nicht so schlecht für an;)besonders das praktikum ist interessant:)
lg,ld
oh mist hab vergessen meinen Namen drunterzuschreiben...
AntwortenLöschenich bins Naddl:D
durch die ersten Schultage musst Du Dich durchquälen, aber dann hast Du Dich an den Bus, die Schule und Schüler/Lehrer gewöhnt. Das mit der Sprache wird immer besser und wenn Du erstmal ein paar Freunde hast, Ihr gemeinsam was unternommen habt, kannst Du auch mitreden. Ist am Anfang immer blöd, wird aber immer besser ;-) Das mit Adelaide find ich super - ist (fast) die schönste Stadt in Aussie, find ich. Ansonsten kannste ja auch mal Deine Tante besuchen... gibt hier Traumstrände =)
AntwortenLöschenHalt durch und mach das beste draus,
Henry
wir haben auch traumstrände hier :D
AntwortenLöschenteddy hat behauptet, ein strand der insel wäre zu australia's best beach gewählt worden, und hat ihn uns gezeigt. ich weiß aber nicht, was daran so besonders sein soll.
also, die schönste stadt, da sind wir uns ja wohl einig, das ist penneshaw :D